Texte


Essay zu den Arbeiten von Heike Wichmann-Hopp

von Pascal Heß, Kunsthistoriker, Frankfurt
November 2018

Heike Wichmann-Hopp gehört zu einer Gruppe von Keramikerinnen, die in einem intuitiven, auf selbstgefassten Regeln basierenden Prozess organische Objekte entwickeln. Entscheidend ist, dass der freiplastische Aufbau einer Systematik folgt, die auf fraktaler Geometrie basiert. Dieses Konzept hat großen Einfluss auf die Arbeit der Künstlerin und wurde in der Ausbildung bei Dr. Zsuzsanna Füzesi-Heierli in der Schweiz vertieft.

Bei Wichmann-Hopp bildet eine typische Einzelform oder auch eine Arbeits- oder Handbewegung die Grundlage eines jeden Objekts. Aus dieser wiederkehrenden Grundlage, in allen drei Dimensionen variiert, entsteht jeweils ein individuelles leitendes Prinzip, das die Gestalt des Objekts bestimmt – die Summe des Leitprinzips fügt sich zu hochkomplexen, räumlichen Gebilden. Der Prozess des Aufbauens und Formens ist bedeutend: Während die Hände das Leitprinzip gestalten und wiederholen, seien es Stege, Waben oder Drehungen, entwickeln sie einen wiederkehrenden modularen Vorgang, der räumliche Gebilde wachsen lässt. Zeit bekommt so eine Form. Wichmann-Hopp sagt, es sei „…jedes Mal verblüffend, den Entstehungsprozess zu beobachten und zu gestalten. Theoretisch können diese Formen ins Unendliche wachsen und es fällt manchmal schwer, den Abschluss zu finden.“ Am Ende muss die Intuition dem künstlerischen Impuls folgen.

Dieses Spannungsfeld zwischen Ansatz, Selbstreproduktion und dem Endpunkt markiert die künstlerische Fallhöhe der Arbeiten der Keramikerin. Nicht nur das gewählte Leitprinzip und das Objekt, sondern auch der Schaffensprozess und die Reflektion seines Endes machen die hohe Qualität der Arbeiten aus.

Die Objekte wirken durch ihre freie Ausformung irritierend natürlich und vertraut. Schneckenhäuser, Samenkapseln, Skelettsysteme – die Assoziationen sind zahlreich. Trotzdem hat keines der Objekte eine zweifelsfrei zu identifizierende natürliche Vorlage. Die organische Anmutung entsteht durch den freihändigen Aufbau, den meisterhaften Umgang mit den Materialeigenschaften von Ton, Steingut und Porzellan und die virtuose Beherrschung von Engoben, Metalloxiden und oxidierenden Bränden im Elektroofen und reduzierenden Kapselbränden. Organisch wirkt auch das Prinzip der fraktalen Geometrie, dass also jedes Einzelteil genauso aussieht wie die Summe aller Einzelteile – es ist aus der Natur bekannt, ohne dass es bewusst wahrgenommen würde: Bäume mit ihren immer wiederkehrenden Verästelungen, Flusssysteme mit ihren immer wiederkehrenden Verzweigungen, Blutsysteme, und eben Samenkapseln und Schneckenhäuser; die Selbstähnlichkeit des Einzelnen zum Großen.

Der Künstlerin ist hoch anzurechnen, dass es ihren Objekten gelingt, die Betrachter zu einer Auseinandersetzung zu animieren: Betrachter versuchen immer wieder in die Objekte hinein zu sehen, möchten sie in die Hand nehmen und umdrehen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die jeweilige Struktur aus dem ehemals weichen Material Ton ein so hartes Gehäuse bildet. Wo in der Natur das Gehäuse Schutz und Stabilität bietet für die Dinge die darinnen sind, bergen die Objekte von Wichmann-Hopp einen hochkomplexen leeren Raum. Wegen des Schaffensprozesses ist der Innenraum freilich ebenso kompliziert durchgebildet wie die äußeren Formen. Was aber nach dem Staunen über die Konstruktion und das räumliche Gefüge bleibt, ist die Abwesenheit, die den Raum füllt.

Die Kunstwerke von Wichmann-Hopp sind deswegen durchaus nah verwandt mit den Kunst- und Wunderkammer-Stücken der beginnenden Aufklärung: Die Kunst- und Wunderkammern hatten die Aufgabe, im Objekt die Welt zu erzählen, zu ordnen und zu erklären. Natürliche Dinge, die Naturalia standen für die Schönheit, aber auch für die Besonderheit der Natur. Künstlerische Dinge, die Artificalia standen für die Schaffenskraft und den schöpferischen Reichtum des Menschen. Als Ideal empfand man die Verbindung aus beidem: Die Natur schafft zum Beispiel eine Nautilusschale in einer unnachahmlichen Gestalt und Materialqualität, aber erst der formende Verstand des Menschen perfektioniert die Muschel durch Schnitzereien und Silbermonturen. Die Kreativität des Menschen bewunderte die Schöpfung für das Wachstum, natürliche Regelmäßigkeit und die Schönheit, die man als gottgegeben empfand, und damit auch die fraktal-geometrischen Strukturen des immer Wiederkehrenden. Vielleicht mag es diese Idee sein, warum die Arbeiten von Heike Wichmann-Hopp so bemerkenswert sind: Weil sie staunen machen.